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Zum Kailash und nach Lhasa

Surtley Canyon Nanda Devi
Surtley Canyon Nanda Devi
DAV Summit-Reise nach Tibet

März 2008 – die Berichte von den Protesten und der Gewalt in Lhasa, in Tibet und angrenzenden Provinzen beherrschen viele Nachrichtensendungen. Ich sitze vor der Tastatur und versuche über meine Reise nach Tibet vor einem halben Jahr zu berichten. Ich bin betroffen: Da wo jetzt Mönche zusammengeschlagen und erschossen werden, bin ich entlang gelaufen, habe mit Einheimischen geredet, an den Ständen gehandelt, mit unseren chinesischen Begleitern (allesamt Tibeter) geredet, diskutiert und versuchte zu begreifen, wie vielfältig die Unterdrückung der Tibeter durch die Chinesen ist. Ohnmächtige Wut sammelt sich in meinem Bauch – was können wir tun, damit Menschenrechte auch in Tibet gelten???

Ich glaube, jeder von uns hat ein Bild in seinem Kopf von seiner Traumlandschaft, ohne dass wir diesen Ort schon gesehen haben müssen. Ich weiß, ich habe meine Traumlandschaft gesehen.

Nordansicht des Kailash
Nordansicht des Kailash

Die Stationen in Kürze: Kathmandu, Nepalgunj – schwülheiß, drei Tage warten, denn kein Flieger kann nach Simikot fliegen: Regen, Wolken und eine schlammige Piste in den Bergen machen es unmöglich. Wir (das sind 15 Männer und Frauen aus Österreich, Schweiz und Deutschland sowie der Buddhismus- und Hindu-Experte Christoph Ruhland als Reiseleitung) chartern für Extrageld einen Heli und starten unser Zelt-Trekking in Simikot. Wir müssen die Wartezeit durch viel größere Tagesetappen wieder hereinbekommen. Es geht den Karnali aufwärts, eine alte Salzstraße, dann über den Nara La (4560m). Nun geht es abwärts und unvermittelt öffnet sich der Blick, die unendliche Weite Tibets liegt vor mir: karg, trocken, vom Band des Karnarli durchzogen, abweisend und anziehend zugleich. Ich sauge diesen einmaligen ersten Blick nach Tibet in mir auf.

Hilsa ist die Grenzstation auf nepalesischer Seite, hier müssen wir die Trekkingmannschaft zurücklassen, drüben in Sera erwartet uns ein Trupp einer chinesischen Agentur. Nur Phutundu, unser nepalesischer Sirdar, und die Küchenmannschaft dürfen noch mit. Per Jeep geht es nun auf ausgefahrenen Pisten nach Purang. Wir besichtigen das Felsenkloster. Nur noch vier Mönche dürfen hier leben, mehr ist nicht erlaubt. Weiter geht es nach Norden, am Gurla Mandata (7728 m) vorbei zum Raskas Tal- und Manasarovar See (4560 m). Von hier aus kann man ihn schon sehen, den Kang Rinpoche, das „Schneejuwel“, wie der Kailash auch ehrfurchtsvoll genannt wird. Einmalig erhebt sich die weiße Kuppel über der Kette jenseits des breiten Tales. Ich spüre, dies ist ein besonderer Platz auf Erden. Ihn verehren vier Religionen als Sitz ihrer Götter. Hier entspringen vier große Flüsse, die den Himalaja durchqueren: Surtley im Westen, Kanarli im Süden, Bramaputra im Osten und Indus im Norden. Auch der Manasarovar See ist den Buddhisten heilig: Acht Klöster gruppieren sich wie ein Mandala um den See, sie sind Stationen auf dem 90 Kilometer langen Pilgerweg am Ufer entlang.
Wir fahren mit den Jeeps nach Westen und wollen zu den Ursprüngen des tibetischen Buddhismus. Das Königreich Guge mit den großen Klöstern Tschparang und Tolling ist unser Ziel. Über schotterige steile Pisten quälen sich die Jeeps über einsame Pässe, Weit kann man über das Land schauen, unendlich weit, die Berge variieren in allen Brauntönen, tiefblauer Himmel überspannt mit einzelnen weißen Wolken die Weite. Dann hält mich der Blick nach Süden in Atem: der wild zerklüftete Canyon des Surtley breitet sich vor mir aus. Ein atemberaubendes Panorama so weit das Auge reicht, gekrönt vom Nanda Devi (7816 m) im indischen Himalaja.
Die beiden Klöster zeigen die Spuren der Geschichte: Fast alle Fresken und Statuen sind zerstört, geköpfte Buddhas liegen herum, nur zum kleinen Teil in den Jahrhunderten verwittert. Die Zerstörung ist das Werk der chinesischen Kulturrevolution. Es lässt sich nur schwer erahnen, welch bedeutende Königstätten dies vor mehr als hundert Jahren waren, als die Bon-Religion durch den Buddhismus zurückgedrängt wurde. Jetzt dürfen nur ganz wenige Mönche hier Hausmeisteraufgaben wahrnehmen, damit es als Touristenziel erhalten bleibt – es ist zum Heulen.

Wir fahren durch die weite Hochebene zurück zum Kailash. Darchen (4670 m) heißt die Ansiedlung am Beginn der Kora. Aus dem Boden gestampfte Siedlungen ohne funktionierendes Abwassersystem, Müll überall an den Straßen, winzige Läden, die verschiedenste Gegenstände für den Pilger zum Kauf anbieten, eine Buddha-Statue über dem Dorf. (Sie wird einen Monat später von den Chinesen gesprengt - angeblich lag keine Baugenehmigung vor). Unsere Unterkunft verdient mindestens drei Negativ-Sterne! Wir beginnen am nächsten Tag die Kora – so nennt man in Tibet den Pilgerweg um eine heilige Stätte – in Darpoche (4800 m), dem Platz mit dem großen Gebets-Fahnenmast. Oberhalb auf einer Hochfläche der Dachom, der heilige Platz, auf dem die Toten ihre letzte Ruhe finden. Bei der Chöku Gompa müssen wir auf unsere Yaks warten, die unser Gepäck für die nächsten drei Tage aufnehmen sollen. Das gibt Zeit zum Besuch der Gompa oben am Hang. Durch die im Wind flatternden bunten Gebetsfahnen haben wir herrliche Ausblicke auf den heiligen Berg und bekommen von den Mönchen noch den Segen für unsere Kora. Dann wandern wir hinter der Yakherde her durch das langsam ansteigende Lha Chu Tal. Immer wieder begegnen wir Tibetern, die teils mit der ganzen Familie auf Pilgerfahrt sind, manche durchmessen die 52 Kilometer lange Kora sogar mit ihrem Körper, das heißt sie werfen sich zu Boden, stehen auf, gehen zwei Meter und werfen sich wieder in den Staub. Eine ungeheure Anstrengung in dieser Höhe. Manchmal treffen wir auf Zelte, in denen man bei Tee und Gebäck rasten kann.

Die Felswände zur Rechten und Linken sind steil und sehr glatt, schuppenartig haben Sonne und Kälte flache Platten abgesprengt, hin und wieder gibt ein Einschnitt den Blick auf den Kailash frei. Eine eigenartige Ehrfurcht erfasst mich. Am späten Nachmittag erreichen wir die Driora Gompa (5050 m) im Norden des Berges. Hier schlagen wir unsere Zelte direkt im Anblick des Kailash auf, der von zwei Hügeln eingerahmt wird. Ich nutze die Abendsonne und wandere noch auf den Kailash zu, folge einem Bachlauf der direkt auf die Nordwand des Bergriesen führt. Riesig ragt sie im dunkelblauen Abendhimmel über mir auf. Es bleibt aber keine Zeit hier zu meditieren, die Sonne taucht die Bergspitze in ein letztes zartes Licht und ich muss mich auf den Rückweg machen. Morgen soll es über den Pass Drolma La (5660 m) gehen, den höchsten Punkt der Kora. Das Wetter ist ideal, morgen verspricht ein unvergesslicher Tag zu werden.

Der Potala in Lhasa
Der Potala in Lhasa

Damit hatte keiner gerechnet: Eine Teilnehmerin liegt am Morgen tot im Schlafsack – ganz friedlich und anscheinend glücklich hat sie einfach aufgehört zu atmen. Wir sind alle tief betroffen, brauchen einige Stunden bis wir uns wieder gefangen und uns von unserer Mitreisenden verabschiedet haben. Die Mönche aus der Gompa führen ein Totenritual mit uns durch. Der Leichnam wird ins 1400 Kilometer entfernte Lhasa gebracht, wir brechen auf zum Rückweg – für den Pass ist es heute zu spät und eigentlich will in diesem Moment auch niemand weiter gehen. Wir gönnen uns eine weitere Nacht am Manasarovar See, bevor wir wieder planmäßig weiter nach Osten fahren. Stille – Trauer – Abschied und immer wieder die Frage: Warum?

Die endlose Weite Tibets: staubige Schotterstraßen, Pässe über 5000 Meter Höhe, hin und wieder eine kleine Ansiedlung, ein fast verlassenes Kloster. Drei Tage lang geht das so. Wir erreichen Shigatse mit dem Tashilunpo-Kloster. Einst eine Art Universität mit über 4000 Mönchen, heute eher ein Museum und Sitz des von den Chinesen eingesetzten Panchen-Lama. Herrliche Bauten, riesengroße Buddha-Statuen und goldene Schreine verstorbener Lamas – aber kein Klosterleben mehr. Die Stadt steht ganz unter chinesischer Herrschaft, überall chinesische Läden; modern, so der Anschein.

Dann Lhasa: Wir fahren über eine sechsspurige Prachtstraße ins Zentrum, der Potala überragt eindrucksvoll die Stadt. Auch hier das gleiche Bild: Chinesische Kultur überschwemmt die tibetische Hauptstadt. Vor 30 Jahren noch 60.000 Einwohner – heute über 400.000, teilweise zwangsweise nach Lhasa übersiedelt oder mit gutem Geld für ein paar Jahre hierher gelockt worden. Die Altstadt mit dem Jokhang, dem bedeutendsten Tempel in Tibet, und dem Pilgerweg durch die Altstadt ist mit Ramschhändlern voll, Altstadtbauten wurden abgerissen, um Wohnblocks Platz zu machen. Mitunter haben sie noch eine Fassade, die tibetischen Anschein erweckt, aber man merkt das Fassadenhafte sofort. Am Fuße des Potala ist der riesige Paradeplatz gesäumt von einer riesigen modernen Disco. Den Palast des Dalai Lama darf man im Stundentakt besichtigen, wenn man sich etlichen Kontrollen unterzogen hat. Innenaufnahmen sind verboten. Dann bin ich trotz der widrigen Umstände gefangen von den Räumlichkeiten, den Kunstwerken, den Statuen – einfach von der Großartigkeit der buddhistischen Kultur hier auf dem Dach der Welt. Auch als wir später noch Norbulinka, die Sommerresidenz des Dalai Lama besuchen, fängt mich wieder der Zauber ein und spüre ich, dass dies ein besonderer Ort ist.

Suchen wir die alte tibetische Kultur, solange es noch geht! Die Zeichen stehen schlecht für Lhasa. Noch mehr Touristen und Chinesen werden hierher kommen, die Eisenbahstrecke Bejing-Lhasa, demnächst noch eine Südroute und die im Bau befindliche Teerstrasse zum Everest-Basecamp werden dazu beitragen, dass die tibetische Kultur immer mehr verwässert wird, von den Unterdrückungen der Bevölkerung ganz abgesehen. Mehr dazu in meinem Diavortrag.

07.04.08, Dietrich Hinkeldey

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