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Mera Peak – ein traumhafter Aussichtssechstausender

Panorama vom Mera-Stock
Panorama vom Mera-Stock
Eine DAV-Summit-Reise ins Everestgebiet

Kathmandu, Donnerstag 11. Oktober
Die Wolken hängen tief über der nepalesischen Metropole, als es sehr früh schon zum Flugplatz geht. Das ganz normale Verkehrschaos auf der Ringstraße wirkt heute durch Regen und Schlamm der letzten Tage noch unübersichtlicher. Gepäck wiegen, kontrollieren und warten. Seit drei Tagen ging wetterbedingt schon kein Flieger mehr nach Lukla. Nach neun Stunden Wartezeit ist klar, dass auch heute nichts mehr geht. Wir sind eine 15-köpfige Gruppe mit Albert, unserem Urgestein als Bergführer sowie Sirdar Nuri mit seiner Mannschaft. Da wir am nächsten Tag unbedingt nach Lukla wollen, legt jeder noch mal 80 Euro drauf und wir ordern einen Hubschrauber, der auch bei weniger gutem Wetter fliegen kann.

Dietrich auf dem Mera Peak
Dietrich auf dem Mera Peak

Lukla, Freitag 12. Oktober
Ein alter sowjetischer Heli der Manag Air bringt uns in einer knappen Stunde in das Bergdorf auf 2800 m im Kumbu. Der Monsun will in diesem Jahr gar nicht aufhören – Dauerregen. In den Shops von Lukla besorge ich mir noch einen Regenumhang, ein letzter Anruf in die Heimat und dann eine letzte komfortable Nacht in der Everest Summit Lodge.

Samstag, 13. Oktober
Abmarsch. Hinter dem Dorf geht es gleich zügig bergan nach Osten. Mit uns die Mannschaft aus Trägern, Köchen, Sherpas und Sirdar; zusammen 27 Leute. Es tropft von den Rhododendron-Bäumen, es nieselt aus den Wolken. Der Pfad nach Chutanga ist glitschig, steil, quert viele Wasserläufe. Auf 3500 m gibt es ein paar waagerechte, matschige Flächen, auf denen wir die Zelte aufbauen können. Da verzieht man sich gerne in den Schlafsack.
An den nächsten Tagen lässt der Regen nach, morgens lässt sich die Sonne sehen. Der Weg führt über den Zatrawa La (4610 m) und dann hinunter zum Hinku Khola nach Tasching Ongma gut tausend Meter tiefer. Erkältung und Hexenschuss zwingen die ersten drei Teilnehmer schon zur Umkehr. Für den Rest geht es nun bequem das Tal aufwärts. Zur Rechten zeigen sich die nördlichen Ausläufer des Mera-Stocks, links der imposante Kusum Kanguru und geradeaus die herrliche Pyramide des 6670 m hohen Kyashar. Nach drei Tagesmärschen ist Thangnang erreicht.

Dienstag, 16.10.
Die Zelte stehen am Nachmittag in Thangnang am Fuße des Kyashar. Schwere Wolken drücken von allen Seiten ins Tal und verdunkeln den Himmel. Dann stürmt es los mit Schneetreiben und im Nu sind die Zelte von einer dicken Schneeschicht bedeckt. Wir schaufeln sie immer wieder frei, aber es will nicht aufhören. Am nächsten Morgen ist alles weiß, die Sonne kommt heraus. Heute ist ein Ruhetag angesagt, damit wir uns besser an die Höhe gewöhnen können. Ideales Wetter für kleine Spaziergänge hinauf zum Gletschersee Sabai Tsho oder in Richtung des Basislagers. Die Wege sind rutschig und vereist, erfordern einen guten und sicheren Tritt. Bergsteigergruppen auf dem Rückweg kommen entgegen, sie mussten im Gipfelanstieg gestern aufgeben, weil sie brusttief im Schnee steckengeblieben waren. Aber jetzt reißen die Wolken weiter auf, geben zum ersten Mal den Blick auf den Mera Central frei. Sollte Petrus es doch mit uns gut meinen?
Donnerstag, 18.10.
Der Aufstieg nach Khare zum Basislager in knapp 5000 m Höhe ist ein Genuss: Sonne pur, gewaltig das Massiv des Mera zur Rechten, die Gruppe des Peak 41 voraus, Malanphilan zur Linken. Khare ist die letzte Ansammlung von Häusern, die nur in der Saison bewohnt ist. Einfache Unterkünfte, Yakweiden und ein Teashop. Der Blick aus dem Zelt zeigt mir das Ziel: Mera Central (6461 m). Es ist grandios, vor dieser Kulisse zu Abend zu speisen, die einbrechende Nacht auf den Gletschern und Bergspitzen mitzuerleben. Verdauungsprobleme und Erkältungen zwingen drei weitere Teilnehmer, am nächsten Tag im Basislager zu bleiben.

Freitag, 19.10.
Ein schroffer Anstieg auf einem Muränenrücken, dann mit Steigeisen über Gletscher und Schneefelder. Wir erreichen nach fünf Stunden das Hochlager am Mera La auf 5500 m. Auch hier müssen zwei Bergsteiger umdrehen, die Höhenprobleme sind zu groß und der Gipfelanstieg morgen für sie aussichtslos. Es wird eisig kalt, Wind bläst ungehindert über die freien Gletscherflächen. Zum Glück versorgen uns die Sherpas mit heißem Tee und einer einfachen warmen Mahlzeit. Die Quellwolken des Nachmittages haben sich am Abend wieder verzogen – ein gutes Zeichen für den morgigen Gipfeltag!

Samstag, 20.10.
Die Nacht ist kurz und eiskalt (-20°C). Der Körper bekommt in dieser Höhe nicht einmal die Hälfte des Sauerstoffs, und da die Atmung im Schlaf ruhiger wird, schlägt er Alarm: Mit einem tiefen Atemzug erwache ich immer wieder, döse für zehn Minuten wieder weiter, bevor mich mein Körper wieder aus dem Schlaf reißt. Da bin ich froh, als es schon zwei Uhr morgens ist. Wir richten unsere Sachen, die inneren Schalenschuhe kommen aus dem Schlafsack und gleich in die Plastikumhüllung – nur nicht auskühlen lassen. Tee trinken – ruckzuck ist die Tasse abgekühlt, Brot oder Müsli bekomme ich gar nicht runter.

Aufbruch. Gänsemarsch der Stirnlampen. Es ist gut gespurt, der Neuschnee der letzten Tage gut zusammengesackt und festgefroren. Langsam kriecht der Morgen über die Bergketten, Konturen lassen sich erahnen. Wir sind auf gut 6200 m Höhe, als die ersten Bergspitzen der Himalajakette im Licht der Morgensonne erstrahlen. Ein atemberaubendes Panorama: Fünf Achttausender mit einem Blick! Cho Oyu im Westen, Everest und Lhotse, dann die Pyramide des Makalu und ganz in der Ferne im Osten noch der Kanchanjunga unter einem strahlend blauem Himmel! Ich kann mich gar nicht genug satt sehen. Jetzt weiß ich, dass es sich gelohnt hat, die Spiegelreflexkamera mitzunehmen – meine Finger sind schon fast durchgefroren, aber jede weitere Rast im Anstieg lohnt für neue Aufnahmen, einmalige Perspektiven. Zum Glück sind meine Füße in den Schalenschuhen gut warm.

Mera-Kusum und Kyashar
Mera-Kusum und Kyashar

Der Weg ist nicht steil, er zieht sich nur endlos hin, aber in dieser Höhe ist alles beschwerlich. Wir sind nur noch vier Teilnehmer und der Bergführer, der mit seinen 64 Jahren weit hinter uns auch am Rand seiner Kräfte ist. Nur die beiden jungen Climbing-Sherpas, 20 und 21 Jahre jung, laufen vor uns her, als wäre es ein Spaziergang im Odenwald. Nach der Tour erfahre ich von ihnen, dass sie bereits einmal, Ninja Sherpa bereits zweimal auf dem Gipfel des Everest standen und wundere mich nicht mehr. Der Gipfel kommt in Sicht, eine letzte steile Stufe von 70 Höhenmetern. Die Sherpas haben schon Fixseile angebracht. Drei oder vier Schritte, dann wieder Pause und nach Luft ringen. Noch eine letzte Anstrengung dann habe ich es geschafft: 6461 Meter – mein Höhenmesser zeigt mir 7 Meter weniger an, das kann ich ihm verzeihen. Der Blick schweift nach Süden zum Everest, der jetzt am Mittag langsam von Wolken eingenommen wird. Ich fühle mich mit ihm fast auf „Augenhöhe“ – der dünnen Luft sei es geschuldet. Mit Fatma, einer Mitvierzigerin und den beiden Sherpas teile ich eine halbe Stunde Gipfelglück, dann hüllen uns Wolken ein und wir steigen am Seil wieder ab. Jetzt haben auch Helmut und Rudi das Fixseil erreicht und steigen zum Gipfel. Nur Albert, unser Bergführer, ist noch weit unter dem Gipfel und sehr langsam. Aber da er 1990 an diesem Berg witterungsbedingt umdrehen musste, setzt er heute alles daran, das Ziel zu erreichen.

Der Abstieg scheint problemlos auf der Aufstiegsspur, doch kurz vor dem Hochlager stehe ich plötzlich in dichten Wolken – alles um mich herum ist nur noch konturlos weiß, ich kann gerade einen Schritt vor meinen Füßen die Steigeisenspuren im Schnee ausmachen. Zum Glück kann mich ein Träger einer anderen Gruppe zum Hochlager führen, das Küchenzelt steht noch, heißer Tee und Kekse sind eine willkommene Stärkung. Ninja, Helmut und Rudi kommen nach einer halben Stunde auch vom Gipfel, Ninjas Kumpel steigt mit Albert langsam vom Gipfel ab. Wir brechen auf: Abstieg zum Basislager über vergletscherte Hänge, Schneefelder und Geröll. Meine müden Beine tragen mich gegen 17 Uhr ins Zelt. Wir sind fix und alle, aber glücklich über unseren Gipfelerfolg an diesem einmaligen Tag.

Helmut hat einen dicken, dunklen erfrorenen Zeh: Er wird den Rückmarsch in Sandalen machen müssen, denn in Bergschuhe passt er nicht mehr rein. Sein Fuß wird erst nach Monaten wieder ok sein – zum Glück ist er noch nicht schwarz gefroren. Auch vier Bergsteiger einer holländischen Gruppe haben sich am gleichenTag die Füße erfroren, sie werden noch drei Tage auf einen Heli warten, bis sie ausgeflogen werden können. Es ist schon längst dunkel und Albert fehlt immer noch. Ein Trupp steigt noch mal auf zum Hochlager mit Lampen und Proviant – Albert ist am Ende seiner Kräfte und kann nur mit Mühen weit nach 22 Uhr ins Basislager geführt werden. So bringt man durch falschen Ehrgeiz andere in Gefahr – sicherlich kein Vorbild als Bergführer.

Sonntag 21.10.
Ich wache frisch und erholt auf. Frühstück im Freien im Angesicht des Mera Peak – die Strapazen von gestern sind vergessen, jetzt geht es zurück. Der im Programm ausgeschriebene Weg stellt sich als Illusion heraus; der Pass ist viel zu steil für die Träger, da gehen sie schon seit Jahren nicht mehr drüber. So geht es auf gleichen Weg wieder zurück. Nach drei Tagen erreichen wir wieder den Zatrawa La und sehen hinunter nach Lukla, jetzt brauchen wir es nur noch laufen lassen.

Dienstag, 23.10.
Problemlos erreichen wir unser Ziel und verabschieden uns auf das Herzlichste von unseren Trägern, Sherpas und Nuri, dem Sirdar. Ohne ihre Erfahrung und Unterstützung wäre diese Bergtour wohl kaum möglich gewesen. Mit vielen Erinnerungen im Kopf besteigen wir am nächsten Tag die kleine zweimotorige Twin-Otter, sausen über die abschüssige Piste und heben ab. Namaste, ihr Berge! Namaste Nepal!

07.04.08, Dietrich Hinkeldey

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