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Klettern und Schule

Schulklassen aus vielen verschiedenen Schulen besuchen unser Kletterzentrum an der Jakobswand – es ist teilweise schwierig den vielen Anfragen gerecht zu werden. Das große Interesse zeigt aber auch, dass Klettern bei den Jugendlichen hoch im Kurs steht – warum nur? Da ich als Pädagogischer Leiter an einer großen Schule in Bensheim arbeite, bin ich über die gute Zusammenarbeit mit der Sektion Weinheim überaus glücklich, ermöglicht diese doch die Umsetzung so mancher Projekte im Bereich Sport und Persönlichkeitsbildung.


Geschafft! Salome aus der 6. Klasse strahlt und die Freude über ihre Leistung stärkt ihr Selbstvertrauen

Seit mehreren Jahren gehört „Klettern an Kunst- und Felswänden“ zum festen Bestandteil des Wohlsports in den Klassen 9 und 10 meiner Schule. Jeweils im zweiten Schulhalbjahr werden die Jugendlichen zunächst in Trockenübungen mit den notwendigen Elementen der Knotenkunde und der Sicherungstechnik vertraut gemacht. An einer kleinen Boulderwand an der Schule kommen dann die ersten Erfahrungen mit Griff- und Tritttechnik dazu. Aber dann ist auch schon die Anlage in Weinheim geöffnet und alle 14 Tage wird nun am Turm und dann auch im Fels geklettert. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell Mädchen und Buben ihre Bedenken über die Höhe und Steilheit hinter sich lassen. Mit dem Vertraue auf eine zuverlässige Sicherung durch die Klassenkameraden und einer gewissen Portion Ehrgeiz durchsteigen sie auch schwierige Routen.

Neben diesem Sportkletterkurs führen wir mit verschiedenen Klassenstufen Projekte zur Teamarbeit und zur Persönlichkeitsstärkung durch. Nachdem sie in verschiedenen Stufen ihre Erfahrungen mit Teamaufgaben aus dem Bereich der Erlebnispädagogik gemacht, eigene Stärken und Schwächen erkannt und selbst herausgearbeitet haben – das macht ein gutes Team aus – bildet ein „Klettertag“ den Höhepunkt des Projekts.

„Was, so hoch? Da sollen wir rauf? – Aber doch nicht auch an die riesengroße Felswand, oder? – Und wer soll mich da festhalten?“ so ihre bangen Fragen. Ich teile die Klasse: Während die einen das Verlagshaus Beltz und den Exotenwald besichtigen, können die anderen klettern. Mittags wird dann gewechselt. In Dreiergruppen lernen die Jungs und Mädels zunächst das Sichern und machen sich dann zaghaft an der Holzwand mit Griffen und Tritten auf den Weg nach oben. In halber Höhe kommt dann die erste Herausforderung: Absprung ins Leere nach hinten. Ob die Sichernden auch halten können? Ob das Seil auch nicht reißt? Kann ich mich wirklich auf die da unten verlassen – ich hatte womöglich letzte Woche noch Zoff mit ihnen? Da springt der Adrenalinspiegel doch rasch in die Höhe. Aber nur so bekommen sie Vertrauen in ihre Kameraden und die Ausrüstung. Zunehmend wagen sie sich nun an andere Routen, alles noch toprope – mit jeder Route wächst ihr Selbstvertrauen und das in ihre sichernden Kameraden.

„Wann probieren wir denn das Klettern im Fels?“ Einige haben „Blut geleckt“ und den Ruf des Bergs vernommen. Von dem Entsetzen des ersten Blicks auf die hohe Wand ist nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil: Mit der neu erworbenen Kompetenz am Turm wollen sie sich der Herausforderung am Fels stellen. So erproben wir zunächst den kleinen Klettersteig an der Sonnenplatte, üben Abseilen und Kraxeln im Blockwerk. Dann gilt es die Verschneidung an der Sonnenplatte anzugehen – toprope versteht sich. Zunächst der Überhang: wie bekommt man bloß den linken Fuß in den Riss? Hält der Griff darüber auch in dem schmalen Spalt? Adrenalin wird wieder in Mengen ausgeschüttet – tatsächlich, er hält. Weiter bis zur Verschneidung, im Riss antreten und dann? Ach ja, nach rechts ausspreizen hat der Lehrer unten noch gesagt. Aber so weit, ob das gut geht? Pulsschlag 130, nasse Hände, Schweißperlen laufen bei brennender Sonne den Rücken runter und noch tiefer. Mit ganzer Konzentration den Fuß nach rechts auf den Fels. Geschafft. Jetzt nur noch Schritt für Schritt höher. Leicht geht das im Vergleich zu der Schlüsselstelle. Ein wahnsinniges Gefühl da oben, wo man vor einer Viertelstunde noch gedacht hatte nie hinzukommen.

Was bringen solche Projekte?

Die Jugendlichen nehmen das Gefühl mit, ein Stück über sich hinausgewachsen zu sein – nicht nur die, die sowieso schon sportlich fit sind, sondern besonders die, die sich so was selbst nicht zugetraut hätten. Sie nehmen die tiefe Freude mit, die sich einstellt, wenn man unter Anstrengung, mit Mühen und Ausdauer etwas erreicht hat. Das ist ein ganz anderes Gefühl als „Spaß haben“. Spaß habe ich auf Kosten anderer, Spaß konsumiere ich im Holiday-Park, um Spaß zu haben, muss ich mich nicht anstrengen. Die Jugendlichen lernen ihre Grenzen neu kennen, lernen auch, dass ein „Lass mich runter“ keine Schande ist, eher der Ansporn, in einem weiteren Anlauf ein Stück weiterzukommen. Sie erfahren aber auch, sich und den anderen voll zu vertrauen. Ich habe in all den Jahren noch nie erlebt, dass Jugendliche absichtlich schlecht sichern. Die Berge sprechen für sich, da muss man nicht lang und breit auf die Ernsthaftigkeit des Sicherns eingehen, es ist offensichtlich für jeden.

Schulklassen, die derartige Erfahrungen gemacht haben, strukturieren sich neu. Mit einem neuen Wir-Gefühl werden bisherige Wortführer unwichtiger, eher stillere Mitschüler werden plötzlich ganz anders erfahren, treten auch mit mehr Selbstsicherheit auf. Dies alles fördert das Lernen in einer Klassengemeinschaft.

Für die gute Zusammenarbeit mit der Sektion möchte ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanken, erst dadurch sind solche Projekte möglich geworden.

Dietrich Hinkeldey

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