Sektion Weinheim im Deutschen Alpenverein e.V.

Programm und Veranstaltungen des Vereines

Aktuelles

Wird momentan
überarbeitet.

Sie befinden sich in Rubrik Archiv 2008

Durch das Höllental auf die Zugspitze

Ein Klettersteig für's Herz und einen langen Atem

Die Idee kommt bei der Geburtstagsfeier von Karl Heinz auf: „Klaus, das wünsche ich mir!“ Man schwatzt dann an der Jakobswand ein wenig über die geplante Tour, dadurch schließen sich Doris und Hanne spontan an – schon sind wir eine dufte „Viererbande“, die Anfang September Richtung Hammersbach fahren wird.
Fünf Jahre zuvor hatte ich den Klettersteig zusammen mit Barbara schon einmal gemacht, damals von ganz unten bis ganz oben (2200 Höhenmeter) in einem Trip – kein Problem, wenn man vorher schon eine Hochgebirgswoche hinter sich hat und gut akklimatisiert ist.

Diesmal ist das nicht der Fall, deshalb warten vorher gebuchte Übernachtungsplätze in der Höllentalangerhütte auf uns. Trotz meines selbstbewussten Spruches „Wenn ich mit bin, regnet es nie!“ vergießt der Himmel reichlich Tränen bei unserem Start in Weinheim und auf den nächsten 300 km Autobahn in Richtung Alpen. Dann zeigt sich zögernd die Sonne, Hoffnung kommt auf, die aber in Hammersbach gleich wieder im Nieselregen stirbt – die Gegend heißt nicht umsonst „Wettersteingebiet“. Das Auto wird auf dem montags halb leeren Parkplatz (am Wochenende sieht das ganz anders aus!) abgestellt, dann laufen („loofen“) wir los, zunächst bis zum Eingangshäuschen der Klamm. Alpenvereinsmitglieder zahlen hier nur den symbolischen Eintrittsobolus von 1 €.
Jetzt schließt sich eine wildromantische Passage an. Durch die rechte steile Felsflanke der scharf eingeschnittenen schmalen Schlucht zieht sich kilometerlang eine niedrige künstlich geschaffene Tunnelröhre, ab und zu unterbrochen durch freie Abschnitte. Dort installierte Stege werden von beeindruckenden Wasserfällen oder zarten Gischtschleiern überschüttet. Selbst bei schönem Wetter wird man hier richtig nass. Weit unter uns schäumt und gurgelt ein reißender Wildbach. Zerschmetterte Baumstämme lassen erahnen, wie das Wasser hier im Frühjahr nach der Schneeschmelze tobt. An manchen Stellen geben Felsfenster einen Blick aus dem Stollen nach draußen frei. Durch diese warfen die Bauarbeiter damals den Abraum in die Tiefe. Es folgt eine nicht sehr breite Talerweiterung, wo auf eingeebneter Fläche vor über 100 Jahren ein Wasserkraftwerk errichtet wurde, das immerhin längere Zeit Strom erzeugte. Wir passieren ein paar übrig gebliebene Betonfundamente, steigen dann durch Nadelwald steile Serpentinen auf, bis sich nach kurzer ebener Wegstrecke trotz des schlechten Wetters eine liebliche Aussicht darbietet: Links die idyllisch gelegene Hütte, rechts zieht sich ansteigend die Alm, auf der Schafe weiden, bis zum Talschluss hin. Der Blick zur Zugspitze hoch ist dagegen wenig ermutigend. Hier unten regnet es, den Gletscher oben verbirgt dichter Nebel, Rettungshubschrauber sind im Einsatz. Der Hüttenwirt, bei dem wir uns nun anmelden, berichtet, dass ein Klettersteiggeher auf dem gar nicht so ausgedehnten Höllentalferner in eine Spalte gestürzt ist. Später erfahren wir, dass er gerettet werden konnte, sich „nur“ ein Bein gebrochen hat. Man weist uns einen Schlafraum zu, in dem nach richtig gutem Abendessen nur sechs Männlein und Weiblein eine schnarchfreie (!) Nacht zubringen können. Wir sind wiederum froh: Am Wochenende ist hier sicher die Hölle los.


6 Uhr Frühstück. Ein fantastischer Morgen bricht an. Strahlende Sonne beleuchtet den Zugspitzgipfel vor stahlblauem Himmel. Doris jubelt, ich sage nur trocken: „Wenn ich mit bin, regnet es nie!“ Eine Stunde später marschieren wir los in Richtung Einstieg des Klettersteiges. Nach dem Anlegen des ganzen Materials ist der Rucksack zum Glück etwas leichter, wir schwingen uns begeistert die mit viel Eisen bestückte „Leiter“ hinauf. Nach kurzer Linksquerung folgt das berühmte „Brettl“, auf Kalender- und Postkartenfotos eindrucksvoll und fast abschreckend anzuschauen. Die dichte Stiftreihe in geneigter Felswand ist aber wesentlich leichter zu bewältigen als zum Beispiel der Quergang im Klettersteig an der Jakobswand. Der grandiose Tiefblick lässt jedoch keine Enttäuschung ob der geringen Herausforderung zu. Die letzten ungesicherten Klettermeter – keine Eisentritte mehr, dafür sehr gute Griffe – bringen Karl Heinz etwas in nervöses Zappeln, aber Hanne steht ihm in ihrer ruhigen Art hilfreich bei. Bis zur ersten Pause muss nun ein Anstieg durch grasige Partien und Latschenkiefern mit kurzen leichten Felskletter-Einlagen bewältigt werden. Dann kommt das, was ich am meisten hasse: Unendliche Aufwärts-Latscherei durch rutschiges Geröll. Trotz des Traumwetters und aller Begeisterung ist das heute nicht so richtig mein Tag: Zu wenig getrunken, nicht akklimatisiert, seit der letzten Begehung fünf Jahre älter geworden. Die Freunde nehmen mir das wegen der gefürchteten Gletscher-Randkluft (in diesem Jahr soll sie besonders breit und tief sein – an der Hütte hing schon ein Warnschild) mitgeschleppte Seil und den Eispickel ab, das hilft ein wenig. Endlich ist der untere Rand des Ferners erreicht. Verblüfft betrachte ich die Unterschiede. Damals bedeckte den Gletscher trittfester, nicht zu weicher Schnee. Man brauchte keine Steigeisen, und die Spur war eindeutig vorgegeben. Jetzt lauern überall Spalten, die etwas steilere Mittelpartie besteht aus von Wasser überrieseltem Blankeis. Nun ist klar, wie es gestern im Nebel zu dem Unfall kommen konnte: Nur wenige Meter Abweichen von der Ideallinie führt unweigerlich zu den Spalten. Wir legen Steigeisen bzw. Grödeln an. Meine nicht gut passenden verliere ich immer mal wieder – wie gesagt: nicht mein Tag! Endlich ist die Randkluft erreicht, ziemlich weit entfernt die Felswand, dort recht weit oben die ersten Eisentritte und das Stahlseil. Zum Glück hat jemand (vielleicht der ja auf Gäste angewiesene Hüttenwirt?) ein Schlappseil eingehängt, das die Überwindung erleichtert. Vor uns verliert ein Bayer seinen geliebten Filzhut. Er steigt hinunter, rettet ihn und berichtet, dass am Grund der Kluft Rucksäcke, Stöcke und Eispickel liegen, die einige Pechvögel eben nicht mehr bergen konnten. Nun haben wir endlich wieder festen, trockenen Fels unter und vor uns. Das Steigen ist eine einzige Lust, aber es zieht sich! Mit ihrer beachtlichen Kondition geht Doris vornweg, ihr großmütiger Charakter lässt sie jedoch stets auf die „Alten und Schwachen“ Rücksicht nehmen. Obwohl mitten in der Woche, sind viele Leute unterwegs. Manche überholen uns, zum Teil mit einer Ausrüstung, die einen schaudern lässt. Den Gipfel sehen wir längst, trotzdem kommen wir ihm scheinbar einfach nicht näher. Endlich ist unter dem letzten Aufschwung die Scharte erreicht. Wer hier glaubt, es jetzt geschafft zu haben, irrt gewaltig. Als ich leise vor mich hin fluche, dass ich die Schnauze langsam voll habe, antwortet ein gerade vorbei ziehender Bayer gemütlich: „So soll’s ja auch sein, sonst bringt’s doch nix!“ 15 Uhr 30 sitzen alle auf dem höchsten Punkt. Weil ich meinen Wimpel nicht dabei habe, vereinen wir uns zum Gipfelfoto unter dem Kreuz hinter Doris’ T-Shirt mit der Aufschrift „DAV Weinheim“.
Um uns herum turnen viele Seilbahnfahrer, die nur mal schnell von der Plattform herüber gekommen sind. Den dort vorherrschenden Kulturschock ignorieren wir einfach beim ersten Bier, das uns sozusagen das Leben rettet. Das letzte Stück des Steiges ist ja von der Zugspitz-Plattform aus einsehbar. Originalton Karl Heinz: „Unter den sensationslüsternen Blicken der Salontouristen kam ich mir vor wie an einem Affenfelsen!“ Keiner hat Lust auf einen Abstieg zu Fuß, deshalb fahren wir trotz des horrenden Preises von 25 € pro Person mit Seil- und Zahnradbahn zurück nach Hammersbach. Vom Bahnhof zum Parkplatz sind es dann doch nochmal „gefühlte“ 20 km zu laufen, naja, in Wirklichkeit wahrscheinlich höchstens zwei. Karl Heinz fährt uns nach Grainau, wo ich von früher her eine nette kleine Pension kenne. Nach Abendessen und Duschen kommt der wahre Genuss: Zu viert sitzen wir bei Bier und Rotwein auf dem Balkon, auf dessen überstehendes Vordach strömender Regen prasselt, während die Bergwelt von grell zuckenden Blitzen erhellt wird. Soviel zum Thema: „Wenn ich mit bin, regnet es nie!“
Zufrieden fahren wir am nächsten Morgen heim. Karl Heinz und ich sind sich einig: Es war ein Gewinn, die beiden Frauen mitgenommen zu haben – aber diese Erkenntnis bleibt natürlich unter uns!

26.01.09, Klaus Friedrichs

« zurück zur Übersicht «

Allgemeine Hinweise

© 2001-2010 Sektion Weinheim im Deutschen Alpenverein e.V. - HFMKL